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"It ain´t no easy life
But it´s silver and gold,
silver and gold
Silver, silver, silver and GOLD"
ryan adams
SILVER & GOLD
Timm Rautert und Studierende
Klasse für Fotografie,
Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig
Academy of Visual Arts Leipzig
Viktoria Binschtok, Kristleifur Björnsson,
Uli Gebert, Göran Gnaudschun, Falk Haberkorn, Sven Johne, Alexej Meschtschanow,
Michael Moser, Ricarda Roggan, Adrian Sauer, Dirk Scheidt, Esperanza
Spierling, Tobias Zielony.
"Die Wirklichkeit ist eine Konstruktion."
Siegfried Kracauer
AUSSTELLUNGSKONZEPT
Die Arbeit der Studierenden und der MeisterschülerInnen aus der Klasse
Rautert läßt sich auf den ersten Blick durch ihre große Heterogenität
von Inhalten und formalen Darstellungsweisen charakterisieren. Auf den
zweiten Blick wird erkennbar, daß ein verbindendes Element der unterschiedlichen
Positionen gerade darin liegen könnte, eines der klassischen Paradigmen
der künstlerischen "Autorenfotografie" zu modifizieren oder gar in Frage
zu stellen:
den dokumentarischen Stil.
Jahrzehntelang galt jene Fotografie, deren Methode und Darstellungsweise
sich an den großen Vorbildern wie August Sander, Walker Evans bis hin
zu Bernd und Hilla Becher schulten, als eine der "Leitästhetiken" der
Fotografie. In den letzten Jahren entstanden innerhalb der "wirklichkeitsbezogenen"
Fotografie künstlerische Praktiken, die weiterhin den Blick auf die
Welt wagen, jedoch den Weg nicht mehr allein über die "einfache Wiedergabe
von Realität" gehen. So ist beispielsweise an die Stelle des Begriffs
der seriellen Typologie, die zahlreichen dokumentarischen Projekten
zu Grunde liegt, mehr und mehr der Begriff der Konstruktion getreten.
Diese Vorstellung von Konstruktion hat jedoch weniger mit der inszenierten
Fotografie der 70er und 80er Jahre und ihren phantasievoll verspielten
Arrangements zu tun; vielmehr kennzeichnet eine mediale Offenheit diese
neue Qualität von Konstruktion, die einen subversiven Umgang mit dem
Abbildungspotential der Fotografie einschließt und das Versprechen der
Fotografie auf Authentizität ironisch unterläuft.
Der Versuch, das Fotografische nicht mehr allein nur in Fotografien
zu hinterfragen, sondern auch in den Gemeinsamkeiten und Abgrenzungen
zu anderen Darstellungs-
formen, erklärt die Vielfalt der in der geplanten Ausstellung zu sehenden
Bildmittel: Analoges und digitales Bild, s/w Abzug, C-Print, Lambda-Print,
Inkjet-Print, internet basierte Bilder, Video und Plastik.
Timm Rautert wird mit einer eigenen Arbeit in der Ausstellung vertreten
sein.
Der ausführliche Katalog (ca. 128 Seiten), der im Verlag der Buchhandlung
Walther König erscheint, trägt der Vielfalt der Arbeiten und der Größe
der Klasse Rechnung und dokumentiert neben den Exponaten auch zahlreiche
Projekte sowie Lehr-Veranstaltungen der Klasse.
Es wird von dem Grafiker/Buchkünstler Philipp Arnold (Berlin) gestaltet
und enthält einen Essay von Christoph Ribbat (Bochum), sowie Interviews
mit den jungen KünstlerInnen. Die Texte erscheinen auf Deutsch und Englisch.
Erster Ausstellungsort:
Galerie 20/21 in Essen
vom 22.2.2003 - 21.3.2003
Weitere Orte:
Städtische Galerie Wolfsburg, Palais für aktuelle Kunst in Glückstadt,
Kunstbunker Tumulka in München, gefolgt von Ausstellungsorten in Berlin
(Sächsische Landesvertretung) und Österreich (möglicherweise Fotoforum
West Innsbruck).
Die Arbeiten von Ricarda Roggan, 1972 in Dresden geboren, zeichnen sich
dadurch aus, daß sie den Gegensatz von dokumentarischen und konstruierenden
Arbeitsweisen aufheben, daß installative Arrangements und fotografische
Bildlichkeit in großer Selbstverständ-
lichkeit ineinander übergehen. Im Gegensatz zu anderen Fotografinnen
und Fotografen ihrer Generation, die den Untergang der DDR und den Verlust
von (eigener) Geschichte in der oftmals pittoresken, dokumentarischen
Sichtweise von zerfallenden Häusern und leeren Fabrikhallen nachspüren,
ist die visuelle Strategie von Roggan kühler und konzeptueller. Sie
sammelt und sichert die Dinge und Spuren (zumeist noch auffindbares
Mobiliar) und setzt sie neu in Szene, immer in demselben leeren Raum
mit dem roten Industriefußboden, als einer letzten Grundierung der verlorenen
Zeit. Auf diese sehr reduzierte Weise entfalten die Dinge, entnommen
ihrer angestammten Umgebung, in der sie ansonsten völlig aufgegangen
sind, ihre eigentliche Gestalt.
In ihrem Zyklus Globen analysiert Viktoria Binschtok, 1972 in Moskau
geboren, die Bedeutung von Wirklichkeit in einer medial vermittelten
Welt. Sie erschließt sich einen Bilderpool von ungeahntem Ausmaß. Im
Internet findet sie Fotografien, die als Angebote "virtueller Auktionshäuser"
nur dort zu sehen sind und die einen scheinbar einfachen Blick auf die
uns umgebenden Dinge eröffnen. Den Blick des Menschen auf seine Artefakte.
Sie sagt:
"Ich lebe in einer transgeografischen Weltgemeinschaft.
Ich fotografiere dort.
Ich kaufe dort ein.
Ich bevorzuge Globen."
Vom Bildschirm fotografiert sie die Globen. Durch die Überführung von
digitalen Daten in analoge Bilder zeigt sie auch Funktion und Darstellungsweise
ihres Mediums auf.
Ist die Fotografie ein fiktionales Konstrukt, oder vielmehr ein unerschütter-
licher Beweis für das Wirkliche in unserer Welt. Die von Viktoria Binschtok
teilweise ersteigerten Globen, die durch die Bilder repräsentiert werden,
erlauben es dem Betrachter in die Analyse einzutreten, indem er sich
Gedanken über das Wirkliche hinter diesen Bildern macht. Gerade weil
die Globen in der Ausstellungssituation verpackt bleiben, gewinnen sie
durch ihre geheimnisvolle Präsenz einen konzeptuellen Verweischarakter.
Auch in der Arbeit Meine Freundin Natalie von Kristleifur Björnsson,
1973 in Rejkavik geboren, kommt es zu einer Verbindung von (digitaler)
Fotografie und Internet. Björnsson untersucht diese Bilder jedoch nicht
als Zeichen ihres ökonomischen Werts als Ware, er interessiert sich
vielmehr für die Reste an Persönlichem, die der weltweite User in diesen
Bildern zu entdecken vermag. Aus dem großen Fundus der im Netz zirkulier-
enden Fotos der Schauspielerin Natalie Portman wählt er genaue die Aufnahmen
aus, die für ihn zusammen das Bild seiner (fiktiven) Freundin Natalie
formen. Diese Aufnahmen, ausschließlich kleine Bilddateien im Jpg -Format,
eignet sich Björnsson an, indem er sie aus dem Internet herunterlädt
und durch den anschließenden "Vergrößerungsprozeß" endgültig zu seinen
Bildern macht: In sorgfältiger Arbeit setzt er ein jedes Bild aus durchschnittlich
110 A4-Tintenstrahl-
ausdrucken wieder zusammen. Ein riesiger Tisch dient Björnsson hierzu
als Grundlage, auf dem er die unterteilten Bildfragmente wie Mosaiksteine
zu großformatigen Wandbildern aneinanderreiht.
Im weitesten Sinn läßt sich Björnssons Natalie als eine Porträtarbeit
bezeichnen, auf jeden Fall aber handelt sie von der Liebe in den Zeiten
ihrer medialen Konstruierbarkeit.
Adrian Sauer, 1976 in Berlin geboren, baut in seinen Bildern fotografierte
Realität nach. Ausgehend von eigenen Fotos, die zumeist einfache Architekturdetails
darstellen, hebt er durch seine anschließende Bearbeitung der Aufnahmen
am Rechner den "fotografischen Akt", den unmittelbaren Schnitt durch
Raum und Zeit, rückwirkend auf, indem er nach und nach jede Fläche und
auch fast jedes Detail seiner ursprünglichen Fotografie durch die entsprechende
künstliche Farbe des digitalen Bildbearbeitungsprogramm ersetzt. Es
entstehen Bilder, die in ihrer Perspektive und Sichtweise wie Fotografien
anmuten, in denen jedoch fast alles Fotografische "herausgewischt" worden
ist und die in ihrer Faktur mehr mit Malerei als mit Fotografie zu tun
haben scheinen. Doch die Bilder von Adrian Sauer sind hybride Geschöpfe:
mit Hilfe eines fotografischen Objektivs aufgenommen, auf digitaler
Ebene neu zusammengesetzt und schließlich auf dem fotografischen Träger
des Lambda-Prints großformatig vergrößert, verweisen diese Bilder in
einer Umbruchsphase der Fotografie genau auf die beiden Elemente, die
Fotografie bis zur Einführung des Digitalen konstituiert haben: auf
die Optik und die Chemie.
Die Arbeit Schonung von Falk Haberkorn (1974 in Berlin geboren), welche
Teil seines Projektes Der vergessene Wald. Das Schwinden seiner Wirklichkeit
und seiner Metaphorik ist, setzt sich mit dem heute anachronistisch
anmutenden, jedoch emotional wie ideologisch aufgeladenen Thema Wald
auseinander. Thematisiert wird dabei das alte Problem des Verhältnisses
von Natur und Kultur. Das Motiv des Waldes steht dabei nicht nur für
den Gegenstand als solchen, sondern sinnbildlich für Natur im allgemeinen
unter entwickelten Kulturbedingungen - und zugleich als Synonym für
das zivilisatorische Ideal ihrer Unberührtheit, das mittels des insistierenden
fotografischen Blicks und mit Rückgriff auf tiefsitzende mentale Bilder
durch visuelle Hinterfragung des vermeintlich Anschaulichen als phantasmagorisch
entlarvt wird. Haberkorn gelingt es somit, unsere Illusion von Natur
zu demaskieren, in dem er den Wald derart theatralisch inszeniert, daß
in seinen großformatigen Tafelbildern an die Stelle einer realistisch
wiedergegebenen Waldlandschaft der künstliche Eindruck eines Bühnenraums
tritt.
In Hellfeld, einem umfangreichen Bildzyklus aus verschiedenen Bildebenen,
scheint die Fotografie auf den ersten Blick noch ihrer klassischen Aufgabe,
der Bestandsaufnahme von Realität, nachkommen zu können. Doch ihr Autor
Ulrich Gebert, 1976 in München geboren, unternimmt keine Spurensicherung
im eigentlichen kriminalistischen wie auch im übertragenen künstlerischen
Sinn, er inszeniert sie vielmehr. Der Fotograf ist an einen Ort gekommen,
den er durch den einfachen Tatbestand seiner Aufnahme als einen möglichen
Tatort indiziert. Sein Bild jedoch kann nicht mehr klären, was passiert
sein könnte, es kann nur das Scheitern dieses Versuchs konstatieren.
Die eigentliche Untersuchung ist folglich Experten in weißen Schutzanzügen
übertragen worden, die in einigen der fotografierten Szenerien zu entdecken
sind. Ihre Präsenz in den Bildern weisen die Orte als kontaminierte
Orte aus. Kombiniert werden diese unheimlichen locations mit Aufnahmen
von rotem Gestrüpp, die sich als Chiffren für eine mutierte Natur und
eine unentwirrbare Lage der Dinge lesen lassen.
Die Realität scheint in der Tat zu komplex geworden zu sein, als daß
sie sich durch eine einfache visuelle Wiedergabe erschließen lassen
würde.
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